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Es ist ja in dieser Zeit der permanenten Krisen und gesellschaftlichen Gräben unbedingt empfehlenswert, sich zum Erhalt der geistigen Gesundheit behagliche Inseln im tosenden Meer der Dauerempörung zu suchen. Mit seiner neuen EP „Schnittchen Permanent“ empfiehlt der Künstler, Flaneur und Performer Friedrich Liechtenstein zu diesem Zweck, sich auf eine zu Unrecht vergessene Kulturtechnik zu besinnen: das gemeinsame Abendbrot, den Teller mit Schnittchen, die Zeit mit der Familie oder geliebten Freundinnen und Freunden am Tisch.
Schon der Philosoph Georg Simmel wusste: „Von allem nun, was den Menschen gemeinsam ist, ist das Gemeinsamste: dass sie essen und trinken müssen.“ Es ist insofern nur folgerichtig, dass Friedrich Liechtensteins sechstes Konzeptwerk Musik fürs Abendbrot liefert. Mit „Schnittchen Permanent“ ist ihm eine lustvolle Metaphysik des Essens in musikalischer Form gelungen, in der wunderbar arrangierte Beats und Melodien kongeniale Räume für seine wirkmächtigen Meditationen öffnen. Musik voller geselliger Wärme, die weit über den Abendbrottisch hinausweist.
„Schnittchen serviert zu bekommen ist gleichzeitig Luxus und Not“, sagt Liechtenstein. „Mit ihnen assoziiere ich Gemütlichkeit und die viele Liebe, die in die Zubereitung fließt. ›Schnittchen Permanent‹ soll gute Laune machen, Räume öffnen für den Kopf, und klar: Man soll Schnittchen dazu essen.“
Das passt zu einem Künstler, der traditionell im vermeintlich Seichten und Verpönten Tiefgang und Wärme sucht.
„Ich bemühe mich, diesen Dingen eine Heiligkeit angedeihen zu lassen“, sagt Liechtenstein. Seine Ironie zielt nicht auf den schnellen Lacher, sondern auf Erkenntnis. „Ich bin dabei immer auf der Suche nach dem scheinbar Lächerlichen – und finde darin Schönheit und Wahrhaftigkeit.“
Der 1956 in Eisenhüttenstadt geborene Liechtenstein gehört zu den eigenwilligsten Figuren der deutschen Kunst- und Musikszene. Mit Alben wie „Bad Gastein“, „Schönes Boot aus Klang“ und „Good Gastein“ schuf er seine eigene musikalische Welt zwischen Chanson, Electronica und Avantgarde, arbeitete mit Richard Dorfmeister, Mousse T. und Purple Disco Machine und realisierte zahlreiche Theater-, Film- und Kunstprojekte.
Nun also Schnittchen. Und warum eigentlich nicht? „Mit dem Philosophen Boris Groys gesprochen ist auch für mich die Profanierung des Erhabenen und die Aufwertung des Profanen handlungsleitend“, sagt Liechtenstein. „In der Lavalampe des Lebens werden Dinge, die einst heilig waren, zu Schrott – und vermeintlicher Spießerkram wie Schnittchen werden der heiße Scheiß, der in New York für 60 Dollar über den Tisch geht.“

Die Idee zu der EP entstand während der Dreharbeiten für eine TV-Produktion, bei denen Liechtenstein die Musiker und Produzenten Paul Eisenach und Wenzel Krah kennenlernte. Er lud beide zum Schnittchenessen in seine Wiener Wohnung ein und innerhalb eines Jahres entstanden dort und an Liechtensteins Berliner Abendbrottisch die neuen Songs. „Eigentlich wollten wir ins Studio gehen, aber die Aufnahmen am Tisch hatten automatisch etwas Organisches, Lebendiges“, sagt Liechtenstein.
Diese Atmosphäre durchzieht die gesamte EP. Im „Intro“ begrüßt Liechtenstein als charmanter Conférencier seine Gäste zum akustischen Abendessen, begleitet von sanften Jazzmeditationen. In „The Majestic Sombrero Galaxy“ befördert ein beschwingter Disco-Soul-Jazz-Groove den Schnittchenteller als fliegende Untertasse ins All. In „Tasty“ zählt Liechtenstein mit sonorer Stimme liebgewonnene Schnittchenbeläge auf. „Die Leute sagen mir immer wieder, ich hätte eine sogenannte Telefonbuchstimme. Also dachte ich, warum nicht mal Schnittchennamen vorlesen?“
Neben Neuinterpretationen seiner eigenen Klassiker „Das Badeschloss“ und „Kommissar D’amour“ findet sich auf „Schnittchen Permanent“ auch eine spektakuläre Version von „MacArthur Park“, jenem melancholischen Klassiker, den Donna Summer einst in eine Disco-Hymne verwandelte. Liechtenstein verbindet die orchestrale Opulenz des Originals mit der rauschhaften Ekstase seiner Disco-Wiedergeburt. Im betörenden Chanson „Outro“ kommt schließlich alles zur Ruhe. Das Abendessen ist vorbei, aber der Tisch bleibt gedeckt.
Passend dazu hat Liechtenstein mit der portugiesischen Porzellanmanufaktur Vista Alegre und Dieter Meiers (Yello) Berliner Restaurant Bostich einen eigenen Schnittchenteller entworfen.
„Oscar Wilde soll sinngemäß gesagt haben, es falle ihm schwer, auf das Niveau seines Porzellans zu kommen“, sagt Liechtenstein. „Bei mir ist es anders, ich bin ja auch kein Dandy, sondern Flaneur, also finde ich: Es wird Zeit, dass mein Porzellan mein Niveau erreicht.“
Nicht zuletzt erzählt „Schnittchen Permanent“ von der Sehnsucht nach analogen Welten, echten Erfahrungen und Begegnungen. Die Spaltung der Gesellschaft am Küchentisch bekämpfen, bei Schnittchen und Gürkchen – für Liechtenstein ein sinnvoller Gedanke: „Schnittchen versöhnen! In einem Raum um einen Tisch sitzen, das Abendbrot feiern, eh zusammen feiern: das ist der Kitt der Gesellschaft.“
Ein Tisch, ein paar Stühle, ein Teller Schnittchen und Musik – mehr braucht es manchmal nicht.

Die EP „Schnittchen Permanent“ erschient am 20.11.2026 über Motor Entertainment.
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