Die 64. Viennale feierte gestern ihren offiziellen Abschluss mit der Gala-Vorführung des Films THE
LONELIEST MAN IN TOWN von Tizza Covi und Rainer Frimmel. Ein an Höhepunkten und schönen, besonderen Momenten reiches Festival geht zu Ende – und das äußerst erfolgreich.
Mit 78.800 verkauften Tickets konnte der hohe Level aus dem Vorjahr sogar noch leicht übertroffen werden. 112 der insgesamt 330 öffentlich zugänglichen Vorstellungen – und damit mehr als ein Drittel – waren ausverkauft. Dazu kamen knapp 3.500 Besucher:innen, die den Weg ins Funkhaus, unsere diesjährige Festival-Zentrale, fanden, um an den Gesprächen und Diskussionen mit Filmschaffenden und Expert:innen teilzunehmen. Oder sich an fünf Konzert/Party-Nächten der Musik und dem Tanzen hinzugeben.
Der erste ganz besondere Moment dieser Ausgabe stellte sich gleich zu Beginn ein. Seit die Viennale im Jahr 1960 ins Leben gerufen wurde, hatte noch nie ein experimenteller Kurzfilm das Festival eröffnet. Diese Ehre wurde dem österreichischen Filmemacher Johann Lurf zuteil, der sein 21-minütiges, im 70mm-Format projiziertes Werk bei der Eröffnungsgala im Gartenbaukino präsentierte.
Dass mit Tizza Covis und Rainer Frimmels THE LONELIEST MAN IN TOWN ein weiterer heimischer Film das Festival beschließt, spannt laut Eva Sangiorgi „einen Bogen über all das, was uns am Kino wichtig ist: einerseits die faszinierende Kraft einer Kunst, die aus der Technik hervorgegangen ist und sich mit ihr immer weiterentwickelt hat. Auf der anderen Seite großes Autorenkino, das die Wirklichkeit auf unverwechselbare Weise erfasst, mit Menschlichkeit und Poesie. Zwei der kostbarsten Entdeckungen des internationalen Filmjahres – und zugleich ein schöner Anlass, ein außergewöhnliches Jahr für das österreichische Kino zu feiern.”

WIENER FILMPREIS
Der Wiener Filmpreis, eine von der Stadt Wien gestiftete und im Rahmen der Viennale vergebene Auszeichnung, gilt einem aktuellen österreichischen Langfilm, der im vergangenen Jahr zur Aufführung gelangte. Die Dotierung dieses Preises besteht aus einem Geldbetrag, der vonseiten der Kulturabteilung der Stadt zur Verfügung gestellt wird, und einer monetären Unterstützung vom Hotel The Harmonie Vienna. Neben dem Preis für den besten österreichischen Film wird beim Wiener Filmpreis auch der Spezialpreis der Jury vergeben.
Jury: Astrid Peterle (Chefkuratorin des MuseumsQuartier Wien), Hilde Dalik (Schauspielerin für Film, Fernsehen und Theater), Daniel Ebner (Kurator und langjähriger Festivalleiter/Vienna Shorts)
Bester österreichischer Film
EVERYTIME, Sandra Wollner, Österreich, Deutschland 2026
Jurybegründung: Der Wiener Filmpreis für den besten österreichischen Film geht an einen außergewöhnlichen Film, über den wir nicht aufhören konnten zu sprechen. Ein Film, in dem tragischer und magischer Realismus aufeinandertreffen, schwerelos und beklemmend zugleich, geprägt von herausragenden schauspielerischen Leistungen und von bemerkenswerten weiten Perspektiven und Blickwinkeln, die (auch hier) vom Alltag erzählen: vom vermeintlich Normalen, das mitten im Unvorstellbaren einfach weiter besteht. Es gibt nicht die eine Art zu trauern – das ist die einfache, aber große und leider für gewöhnlich selten ausgesprochene Erkenntnis dieses Films. Der Regisseurin gelingt es, mit Vorstellungen davon zu brechen, wie Trauer und Verlust auf und jenseits der Leinwand auszusehen haben. Hier gibt es keinen Voyeurismus und keine Melodramatik, stattdessen leise Momente, unausgesprochene Gefühle, ungelebte Zukunftsvisionen – und Protagonist:innen, denen wir uns nahe fühlen, während sie sich in zeitlichen und räumlichen Schleifen aus „so ist es¡ und „so wird es nie wieder“ bewegen. Und dann geschieht unversehens Zauber. Der Titel des Films sagt es selbst: Sie ist immer da, diese eine Realität, und die zweite, die sich danebenlegt.
Spezialpreis der Jury
MILITANTROPOS, Alina Gorlova, Yelizaveta Smith, Simon Mozgovyi, Österreich, Ukraine, Frankreich 2025
Jurybegründung: Der Spezialpreis der Jury geht an einen Film, der uns einfach nicht losgelassen hat und auf einzigartige Weise die Brutalität der Gegenwart festhält, dabei aber mit Konventionen bricht und sich Zeit für seine Protagonist:innen und deren Umgebung nimmt; dem der empathische Blick auf tägliche Begebenheiten wichtiger ist als mediale Sensationslust. Er widersetzt sich dem gefährlichen Gewöhnungseffekt der täglichen Berichterstattung und fokussiert stattdessen auf die Lebensrealität von Menschen, für die der Krieg nicht Nachricht, sondern Alltag ist und für die der Ausnahmezustand die Normalität darstellt. Über zweieinhalb Jahre hinweg gedreht und in beeindruckenden Bildern festgehalten, werden wir Zeugen der grausamen Gleichzeitigkeit von Traurigkeit und Hoffnung, von Gewalt und Schönheit – und wie diese Gleichzeitigkeit von der Beiläufigkeit des Alltags absorbiert wird. Es ist ein Film, der im Geist und Vertrauen auf das Kollektiv entstanden ist und ohne die Förderung und Produktion aus Österreich nicht möglich gewesen wäre. Und der uns ganz beiläufig mitgibt: Passen wir auf unsere Demokratie auf – und lassen wir einander nicht im Stich.
Bereits zum 16. Mal vergibt die Erste Bank im Rahmen der Viennale den Erste Bank Filmpreis. Ausgezeichnet werden österreichische Lang- und Kurzfilme, die im Festivalprogramm präsentiert werden. Mit dem Preis würdigt die Erste Bank besondere künstlerische Leistungen und unterstreicht ihr langfristiges Engagement für die nachhaltige Förderung des österreichischen Filmschaffens im internationalen Kontext. Über die Vergabe des Preises entscheidet eine unabhängige Jury.
Jury: Silvia Bohrn, Christine Dollhofer, Sebastian Höglinger.
Der ERSTE BANK FILMPREIS geht an
FOREVER…FOREVER, Johann Lurf, Österreich, Frankreich 2026
Jurybegründung: Bilder, die die Zeit sind. Ein Blick auf einen Waldviertler Stausee über die Jahre. Genauer gesagt über 22 Monate, durchgehend festgehalten auf dem eigens entwickelten VistaRama65mm-Analogfilmformat, in das sich die wechselnden Lichtstimmungen der Jahreszeiten und eine ganze Welt im Kleinen einschreiben. Mit stetig zunehmender Belichtungszeit entwickelt sich das Leinwandspiel zur wahrhaften Kosmologie des Kinos, in der physikalische, zeitliche und räumliche Gesetze ausgehebelt zu sein scheinen. Der ausgezeichnete Film besticht auf mehreren Ebenen: als sinnliche Wahrnehmungsmagie im Leinwandbild einerseits, als technische Versuchsanordnung andererseits, die im streng getakteten Zusammenspiel von Rhythmus, Bild und Sound auf ein fulminantes Kinofinale zusteuert. Wenn in den letzten 17 Sekunden des Films ein kompletter Jahreszyklus über die Leinwand donnert, ist das Kino bei sich. 24 Stunden Leben pro Analogbild. Gänsehaut.
Der Erste Bank Filmpreis geht in diesem Jahr an einen Experimentalfilm, den es in dieser Form noch nie gegeben hat. Und an einen Filmemacher, der das Kinobild und die Kinoapparatur in konsequenter Vermittlung denkt. Letztlich geht dieser Preis auch an eine Filmgattung, die im Regelkinobetrieb kaum Sichtbarkeit erhält – und dabei die Sicht auf unsere Welt umso deutlicher aus den Angeln hebt und damit ins Bewusstsein rückt.
DER STANDARD organisiert auch dieses Jahr wieder den Preis der Standard-Publikumsjury. Die Juror:innen wählen aus den Festivalbeiträgen einen Film aus, der noch keinen Verleih in Österreich hat. Findet der ausgezeichnete Film in der Folge einen Vertrieb, unterstützt DER STANDARD den Filmstart mit kostenlosem Anzeigenraum in der Zeitung.
Jury: Noah Löffler, Elif Naz Kayran, Hildegard Schmoller.
Der VIENNALE-PREIS DER STANDARD-PUBLIKUMSJURY geht an
ÜBERGANG, Peter Badel, Chris Wright, Deutschland 2026
Jurybegründung: Die Schönhauser Allee steht im Zentrum des von Thomas Heise, Peter Badel und Chris Wright geschaffenen Dokumentarfilms über den tiefgreifenden Wandel Berlins vom späten DDR-Sozialismus über die Wende bis in die Gegenwart. Dem Film ist durch die Verwendung u.a. von unveröffentlichten Dokumenten und Briefen ein klares und augenöffnendes Porträt der Übergänge gelungen. Durch die Auszeichnung dieses Filmes mit dem StandardPublikumspreis wollen wir neben der poetischen filmischen Umsetzung vor allem an Thomas Heises Feingefühl erinnern, welches, wie wir finden, auch und gerade heute wichtig ist.
FIPRESCI, der Internationale Verband der Filmkritiker:innen, wurde 1930 gegründet. Der Verband hat sich der Pflege journalistischer Ethik verschrieben und vertritt die professionellen Interessen seiner Mitglieder. Die Mitglieder der FIPRESCI kommen aus aller Welt und finden sich in kleinen Jurys auf zahlreichen Filmfestivals ein, um den Preis des Internationalen Filmkritikerverbandes zu vergeben. Meist wählen sie dabei – wie bei der Viennale – aus einer Reihe von ersten und zweiten Features junger Filmemacher:innen.
Jury: Marietta Steinhart (Österreich), Giulio Zoppello (Italien), Călin Boto (Rumänien)
Der FIPRESCI-Preis geht an
BEN’IMANA, Marie-Clémentine Dusabejambo, Ruanda, Gabun, Frankreich, Norwegen, Elfenbeinküste 2026
Jurybegründung: Vergebung ist ein großes Wort. In BEN’IMANA ist es zunächst eine öffentliche Geste – und eine höchst private Zumutung. Marie-Clémentine Dusabejambo erzählt von Ruanda im Jahr 2012, von einer Gesellschaft, die nach dem Genozid an den Tutsi Wege der Gerechtigkeit und Versöhnung sucht. Es ist nicht nur ein bemerkenswertes Debüt. Eine junge, noch immer im Aufbau begriffene Filmkultur gewinnt hier eine eigenständige Stimme. Mit großer Sensibilität verknüpft Dusabejambo drei Generationen von Frauen, kollektive Erinnerung und familiäre Konflikte, ohne ihre Figuren auf Positionen oder Opfergeschichten zu reduzieren. Sie erzählt aus dem Inneren der ruandischen Gesellschaft, mit einem bemerkenswerten Gespür für Zwischentöne, körperliche Präsenz und die Bedeutung des Ungesagten. Ihre Inszenierung vertraut auf die Kraft der Begegnungen, der Gesichter und der kleinen Verschiebungen.
Kurz gesagt: BEN’IMANA vertraut der Widersprüchlichkeit des Lebens – und besitzt die seltene Fähigkeit, Menschlichkeit nicht zu behaupten, sondern sichtbar zu machen.
Direkt im Anschluss an die Viennale laden die LUX Filmpreis 2027. Preview Days von 5. bis 8. November ins Stadtkino im Künstlerhaus. Bei freiem Eintritt werden die fünf für den LUX Publikumspreis nominierten Filme präsentiert: UN ANNO DI SCUOLA (A YEAR OF SCHOOL) von Laura Samani, CALLE MÁLAGA von Maryam Touzani, FATHERLAND (VATERLAND) von Paweł Pawlikowski, SOUDAIN (ALL OF A SUDDEN) von Ryusuke Hamaguchi sowie SKYRYBOS KARO METU (HOW TO DIVORCE DURING WAR) von Andrius Blaževičius.
Das Publikum hat dabei nicht nur die Möglichkeit, einen Blick auf die spannendsten europäischen Produktionen des kommenden Kinojahres zu werfen, sondern kann mit seiner Stimme auch direkt über die Vergabe des LUX Publikumspreises mitentscheiden. Begleitet wird das Programm von Gesprächen über das europäische Kino und seine Zukunft.


160 nationale und internationale Filmgäste
185 Publikumsgespräche bei Screenings
Es sind vor allem die anwesenden Filmgäste, die die Viennale zu einem besonderen Filmfest machen. Auch in diesem Jahr fanden zahlreiche Regisseur:innen und Darsteller:innen den Weg nach Wien, um ihre Arbeiten persönlich zu präsentieren und sich den Fragen des hiesigen, bekannt cinephilen Publikums zu stellen. Die deutsche Regie-Ikone Ulrike Ottinger kehrte sozusagen an den Drehort ihres neuen Films DIE BLUTGRÄFIN zurück und feierte mit ihrer Hauptdarstellerin Isabelle Huppert sowie einem außergewöhnlichen Cast inklusive vieler heimischer Stars wie Birgit Minichmayr, Thomas Schubert oder Conchita alias Tom Neuwirth. Darüber hinaus durfte Viennale Direktorin Eva Sangiorgi Größen des Weltkinos begrüßen wie Bruno Dumont, der seinen außergewöhnlichen Film LES ROCHES ROUGES vorstellte, sowie Valeska Grisebach, Victor Kossakovsky, Sergei Loznitsa, Andrea Pallaoro, Radu Jude, Ira Sachs, Angela Schanelec, Albert Serra, Sandra Wollner, Florian Zeller u.v.m.
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