Der österreichische Musiker Aki Streeter – gebürtig Arkadi Strasser – gehört zu den eigenwilligsten Figuren der jungen Underground-Szene. Der in Klagenfurt am Wörthersee geborene Künstler bewegt sich irgendwo zwischen Punk, Black Metal, Grindcore und Noise – und macht dabei selten nur eine Sache gleichzeitig. Als Gründer der Band Heimwerker sowie als Mitglied verschiedener Projekte wie Misanthropic Planet hat Streeter ein musikalisches Multiversum aufgebaut, in dem ständig neue Bands entstehen, verschwinden und sich wieder verwandeln.

Fotocredit © Surrealer Künstlername
Sein Stil ist bewusst radikal: verzerrte Gitarren, chaotische Klangflächen und eine Ästhetik, die sich offen gegen klassische Vorstellungen von Harmonie oder Schönheit stellt. Streeters Projekte wirken oft wie Anti-Pop-Experimente – laut, absurd und bewusst kaputt. Dazu passt auch die Selbstbeschreibung der Band:

Heimwerker, gegründet 2021 von Aki Streeter – und seitdem offiziell die erste Post-Apocalyptic Province Punk (PAPP)-Band der Welt. Unser Genre ist keine Schublade, sondern ein Zufallssystem: Punk, Metal und Rock – zusammengesammelt aus möglichst abgelegenen, kaum bekannten Orten. In unserem Fall: direkt aus Klagenfurt.
Laut eigener Legende stammen wir eigentlich aus einem bösen Paralleluniversum, in dem Raum und Zeit aus Pudding bestehen. Mit Helmen auf dem Kopf, einer gesunden Portion Selbsthass und bewusst chaotischem Auftreten spielen wir absichtlich schlecht und ungesund – und der Sänger kennt oft nicht einmal die eigenen Texte.
Wir sind stolz darauf, die schlechteste Band im Universum zu sein.
Und wir arbeiten hart daran, es auch zu bleiben.
Neben der Musik arbeitet Streeter auch an Filmen, Serien und Ausstellungen, oft mit surrealen oder grotesken Motiven. Parallel organisiert er Konzerte und Underground-Events und treibt damit eine Szene an, die sich bewusst jenseits von Genre- und Qualitätsnormen bewegt.
hennesy.cc: Aki, du spielst in einer Menge Noise- und Grindcore-Projekten. Welche wären das und wie kommst du auf diese Ideen?
Aki: Uff, das ist wirklich schwer. Es sind einige. Mit Vomit Beer on Aki Streeter’s Rotten Corpse habe ich bereits Kassetten bis in die USA und nach Mexiko verkauft und mit Musikern aus der ganzen Welt aufgenommen. Ich habe auch die Band Klismaphilia gegründet, mit der ich als Vorband für ein klassisches Konzert gespielt habe. Im Latexanzug! Ich komme auf diese Ideen meistens abends, wenn ich anfange, mich selbst komisch zu finden oder mir dumme Sachen im Internet anschaue. So entstanden zum Beispiel Gruppen wie LxZxP oder die Creampie Crackies (CxCx), wegen denen wir fast verhaftet wurden, weil wir so laut gespielt haben, dass die Kinder von Anrainern echt Angst hatten! Wundert mich aber auch nicht.
hennesy.cc: Bei der Band Heimwerker schwingt etwas Handwerkliches, fast Industrielles mit. Geht es dabei um das Bauen einer neuen Welt aus Lärm oder eher um die totale Demontage jeglicher Musik-Strukturen?
Aki: Ich würde sagen, es geht eher um das Erbauen einer neuen Welt aus Lärm. Um Musik im allgemeinem zu ändern sind wir viel zu unbedeutend! Kurzgesagt, wir spielen Post-Apokalyptischen Provinz Punk (kurz PAPP) und haben uns ein eigenes Universum erschaffen. Das ganze Multiversum wurde von einem Mann namens Dave programmiert und er lebt in einer WG mit der Ananas und dem Professor. Wir wurden von ihm als Computervirus zuerst auf den Marsmond Phobos und danach auf die Erde geschickt, ohne Grund, einfach durch einen Zufallsalgorithmus. Seit 2021 leben wir in Fischl. Wir sind im Moment 4 Leute:
Redlight Alley // FLOP // Kami Kaze // Aki Streeter
Jeder von uns hat viele, viele verrückte Sachen erlebt und auf unseren Touren passiert echt viel Schwachsinn. Wir verarschen praktisch alles, was wir finden. Keiner von uns hört eigentlich Punk, wir machen uns nur gerne lustig über alles, was als wichtig angesehen wird in dieser vergänglichen, grauen Welt.
hennesy.cc: Mit Misanthropic Planet hast du ein Black-Metal-Projekt geschaffen. Was macht dieses Projekt im Vergleich zum klassischen Black Metal für den Hörer so viel unerträglicher?
Aki: Die Aufnahmen für das erste Album wurden alle im Jahr 2023 auf meinem Handy aufgenommen. Hinter der Band gibt es die Geschichte, dass sie 1981 in der Sowjetunion gegründet wurde. Der Gründer war „Dark Shopanovic“, welcher nach Klagenfurt kam und mich unter einer Brücke beim Konsumieren kennenlernte. Jetzt ist er auf Entzug in Griechenland, also in Kreta. Ich spiele also zurzeit allein. Einige Songs sind einfach Raw Black Metal und manche gehen Richtung Dark Ambient. Ich spiele gerne über Selbsthass und Misanthropie.
hennesy.cc: Deine Veranstaltungsreihen in Klagenfurt bringen das musikalische Grauen direkt in die Provinz. Wie fühlt es sich an, die lokale Kulturlandschaft dort systematisch mit deinen Noise-Gewittern zu konfrontieren?
Aki: Wie ein Fiebertraum aus Scham und Lachkrämpfen. Eine Band aus der Schweiz kam im Sommer 2025 auf ihrer Tour zu mir spielen. Sie haben Balkan-Polka Zeug mit Flöte und Akkordeon gespielt. Ich habe als „The Scumfux of The Universe“ als Vorband gespielt und vor dem Saal gefüllt mit Senioren in einer Pestmaske, einem BH und einem Tanga Stöhnen aus Pornos gemixt und über Drums auf 500 BPM geschrien und mich am Boden gewälzt. Die Veranstaltungsreihe heißt nebenbei „Aki Streeter’s Mad Multiverse“. Ich lade Bands aus der ganzen Welt nach Klagenfurt ein und spiele immer mit einem meiner Projekte als Vorband.
hennesy.cc: Siehst du dich mit deinen Events in Klagenfurt eher als Kurator einer neuen Szene oder als jemand, der dort einfach nur die klangliche Brandrodung vorantreiben will?
Aki: Ich rode gerne! Die Szene bei uns ist einfach echt langweilig. Ich liebe den „unpassenden“ Mix. Sachen wie Soul und Gorenoise auf einem Festival zu sehen ist einfach viel spannender als ein Event, wo zehn gleichklingende Rockbands auftreten, oder? Und sich einfach auf die Reise in ein anderes Universum zu begeben, während man verstörende Musiker hört ist doch die Meisterklasse!
hennesy.cc: Was war die extremste Reaktion eines Besuchers bei einer deiner Klagenfurter Veranstaltungen, die dir gezeigt hat: „Ja, das war verstörend genug“?
Aki: Also, eine Frau war bereits von einem alten Gig von mir verstört. Sie musste damals den Konzertsaal verlassen. Beim zweiten Mal ist sie einfach schon davor gegangen und erst wieder aufgetaucht, als die Hauptband gespielt hat. Ich habe als ein anderer Musiker gespielt, aber sie wusste anscheinend: „Alles mit Aki muss schrecklich sein…“
hennesy.cc: Du arbeitest gerade an deinem Solo-Album KAKI’S QUANTUM FOAM. Inwiefern ist dieser Titel eine Anspielung auf das totale Chaos auf subatomarer Ebene, und wie übersetzt man diesen „Quantenschaum“ in Musik?
Aki: Nun, die Geschichte des Albums handelt von einem Wesen, welches sich im Quantenschaum eingenistet hat. Man muss wissen, dass dieses Ding wohl das kleinste im Universum ist. Dort gehen Teilchen in den Zustand der Existenz und verschwinden schnell wieder. Der Größenunterschied zum kleinsten Ding ist quadrilliarden mal größer, als der zum größten! Und Kaki lebt dort. Kaki bekommt jeden Tag eklige Sachen aus der großen Welt zugeworfen und wird von keinem bemerkt. Er nimmt diese Wellen an Blödsinn auf und decoded sie in Musik, damit wir uns anhören können, was das Universum fernab unserer Größenordnung für einen Schwachsinn ausbrütet.
hennesy.cc: Ist KAKI’S QUANTUM FOAM das bisher reinste Dokument deines künstlerischen Wahnsinns, weil du hier ganz ohne den Filter anderer Musiker arbeitest?
Aki: Könnte man so sagen! Überall anders gibt es dann doch Leute die einen (oft im positiven Sinne) bremsen, aber bei diesem Album wird niemand verhindern, was passieren wird!
hennesy.cc: Welche musikalischen (oder physikalischen) Gesetze versuchst du auf diesem Solo-Album klanglich zu brechen?
Aki: Ich verzichte bei vielen Songs auf einen Refrain, weil ich es liebe, den Leuten vorzugaukeln, es gebe etwas, bei dem sie mitsingen könnten. Ich verwende meinen Bass eigentlich als Lead-Instrument des ganzen Albums. Es wird ein reingeschnittenes Konzert einer fiktiven Band auf dem Album geben und es wird genau 79 Minuten und 59 Sekunden dauern, da dies das Maximum einer neuen CD ist. Die letzten 11 Sekunden kann man sich auf einer separaten CD dazukaufen. Die Themen werden Drogen, das Universum und viele, zufällig verstörende Sachen beinhalten.
hennesy.cc: Aktuell arbeitest du an zwei Alben mit zwei völlig verschiedenen Projekten.
Aki: Ja! Und zwar an dem Debutalbum von „Geheimwerker“. Es ist unser Nebenprojekt von Heimwerker. Wir spielen Indie-Rock und machen Parodien zu Love-Songs und Mainstream Sachen. Das Album wird „Ungenehmigte Zubauten“ heißen, weil das GEHEIM ohne Genehmigung an Heimwerker gebaut wurde! Die Studiozeiten beginnen im April bei Philip Kandler und ich spiele, anders als bei Heimwerker, den E-Bass auf diesem Album.
Gleichzeitig nehme ich ein Album mit Peter Weatherall, einem Bildungs- und Kindermusiker aus Neuseeland auf. Es wird die Schwermetalle des Periodensystems erklären und ich spiele zusätzliche Gitarre, singe im Hintergrund und spiele Bass. Er animiert die Videos auch dazu!
hennesy.cc: Wenn du mit anderen zusammenarbeitest: Bist du der Diktator des Chaos, oder darf der andere Musiker einen Teil seiner eigenen Vernunft in das Projekt einbringen?
Aki: Deshalb gibt ja Geheimwerker! Meine eigene Band hat praktisch eine Unterband gegründet, um meinem Einfluss aus dem Weg zu gehen. Ich habe dort kaum etwas zu sagen. Aber ich finde das genial! Was für ein komischer Typ muss man sein, dass die eigene Band genug von einem hat und eine Nebenband gründet? Hahaha.
Wenn man Aki Streeter zuhört, bekommt man schnell das Gefühl, dass in seinem Universum alles möglich ist: Bands entstehen aus Zufallsalgorithmen, Computerviren spielen Punk und irgendwo im Quantenschaum sitzt ein Wesen namens Kaki und übersetzt den Wahnsinn des Universums in Musik. Sicher ist nur eines: Langweilig wird es mit Aki Streeter garantiert nicht.
Wir bedanken uns bei ihm für dieses ebenso bizarre wie spannende Gespräch.
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